Vor einigen Monaten habe ich darüber geschrieben, wie sich der der Smartrow Powerhandle in die aktuelle Fitnesswelt einfügt – und dabei die Frage gestellt, wohin sich der Rudergerätemarkt entwickelt. Seitdem ist einiges passiert. Waterrower hat offenbar still und leise eine eigene Antwort auf das Powermeter-Thema entwickelt: den sogenannten Power Pulley – kombiniert aus Dehnungsmessstreifen und optischem Sensor, kompatibel mit Apps, die FTMS sprechen und natürlich der eigenen Waterrower App. Kein großes Launch-Event, kein Pressematerial. Einfach da.
Das sagt mehr über den Markt als jede Pressemitteilung, oder nicht?
Inhalt
Jeder baut jetzt sein eigenes Powermeter
Als ich 2022 zum ersten Mal über die Smartrow Rolle geschrieben habe, war das Nachrüsten mit einem externen Sensor noch eine Nischenentscheidung für technikaffine Ruderer. Mittlerweile ist die Direktmessung von Watt am Rudergerät kein USP mehr – sie wird zur Erwartung.
Was gerade passiert, kenne ich aus der Softwarewelt: Ein Feature, das lange als Premium gilt, wird zur Commodity. Waterrower baut jetzt selbst. Concept2 wird vermutlich irgendwann nachziehen und mit dem PM6 überraschen. Und irgendjemand in einer Garage oder mit Claude Code entwickelt gerade die nächste Ruder-App, die das alles zusammenführt.
Das ist kein Zufall – das ist die logische Konsequenz aus einer Entwicklung, die ich persönlich gerade hautnah erlebe.
KI macht aus jedem einen App-Entwickler
Ich habe in Effektivität bestimmt das Handwerk darüber geschrieben, dass KI-Tools wie Claude, ChatGPT oder Gemini die Art, wie ich arbeite, fundamental verändert haben. Und in den Kalendersprüchen war ich noch konkreter: Claude Code ermöglicht mir, als Entwickler Dinge umzusetzen, die früher Tage gedauert hätten – in Stunden.
Was bedeutet das für den Fitness-Markt?
Ganz einfach: Die Eintrittsbarriere für eine eigene Fitness-App ist gerade dabei, gegen Null zu fallen.
Ein durchschnittlicher Entwickler mit einer guten Idee und einem klaren Nutzerproblem kann heute in Wochen eine funktionsfähige App bauen, die vor drei Jahren ein Team und ein sechsstelliges Budget erfordert hätte. Kein Venture Capital nötig. Kein CTO. Nur ein Laptop, ein KI-Tool und Geduld.
Das klingt zunächst wie eine gute Nachricht für Innovation. Und das ist es auch. Aber es hat eine Kehrseite: Der Markt wird überflutet. Nicht mit schlechten Apps – sondern mit vielen mittelmäßigen Apps, die alle dieselben Basics können und sich kaum unterscheiden lassen.
KI-Coaches brauchen mehr als nur Fitnessdaten
Hier kommt das eigentlich spannende Problem. Die meisten Fitness-Apps – auch die KI-gestützten – arbeiten mit demselben Datenmodell: Herzfrequenz, Watt, Schlagzahl, Distanz, vielleicht noch VO₂max-Schätzung.
Das reicht nicht.
Ein wirklich guter KI-Coach müsste wissen:
- Wie hast du letzte Nacht geschlafen? (Nicht nur „7 Stunden“, sondern REM-Anteil, HRV)
- Wie ist dein Stresslevel gerade – beruflich, privat?
- Wann hast du zuletzt gut gegessen, wie viel Protein hattest du heute?
- Bist du 42 oder 28? Arbeitest du körperlich oder sitzt du 10 Stunden am Tag?
- Was ist dein tatsächliches Ziel – schneller werden, länger leben, Gewicht halten?
Die meisten Apps haben Zugang zu einem dieser Datenpunkte. Wenige zu zweien. Kaum eine zu allen.
Das Problem ist kein technisches – es ist ein Datenmodell-Problem. Wer als Fitness-Unternehmen nicht ganzheitlich denkt, wird mit KI immer nur einen Teil der Wahrheit kennen. Und ein Coach, der nur einen Teil der Wahrheit kennt, gibt schlechten Rat – manchmal schlechteren als gar keinen.
Datenschutz wird zur Schicksalsfrage
Und damit stehe ich vor dem Dilemma, das mich ehrlich gesagt am meisten beschäftigt.
Je mehr Daten ein KI-Coach über mich weiß, desto besser kann er mich coachen. Das ist mathematisch richtig. Aber je mehr er weiß, desto sensibler ist das, was er über mich weiß.
Meine Schlafkurve, meine HRV, mein Körperfett, mein Blutdruck – das sind keine Fitnessdaten. Das sind Gesundheitsdaten. Und die landen gerade auf Servern von Unternehmen, deren Geschäftsmodell ich oft nicht vollständig verstehe.
Als ich das Hilo Blutdruckarmband getestet habe, war die Apple-Health-Integration noch hinter einem Abo-Modell versteckt – das hat sich inzwischen geändert, sie ist mittlerweile Standard. Ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Aber das eigentliche Problem bleibt: Blutdruck, Schlaf, HRV landen auf externen Servern, und Transparenz darüber, wer diese Daten wann und wofür nutzt, ist die Ausnahme, nicht die Regel.
Das Thema beschäftigt mich schon länger. In All your fitness are belong to us habe ich gefragt, wem meine Fitnessdaten eigentlich gehören – und warum das keine rhetorische Frage ist. Strava hat durch Aktivitätsdaten unbekannte Militärstützpunkte sichtbar gemacht. Was verrät dann eine Heatmap meiner täglichen Rudersessions über meine Routinen?
Auf staatlicher Ebene ist die Diskussion noch grundsätzlicher. Die elektronische Patientenakte wurde am CCC kompromittiert demonstriert – und ich habe deswegen Opt-Out gewählt. Nicht weil ich die Idee schlecht finde, sondern weil Vertrauen verdient werden muss, nicht verordnet. KI in der Medizin kann enorm viel Mehrwert schaffen – aber nur mit dem richtigen regulatorischen Rahmen und echter technischer Sicherheit.
Mit der Demokratisierung der App-Entwicklung durch KI kommen nun noch mehr Anbieter, die Gesundheitsdaten sammeln – mit oft noch weniger regulatorischer Reife als etablierte Hersteller. Die Frage „Wem gehören meine Daten?“ wird in den nächsten Jahren nicht leiser werden. Sie wird lauter.
Für Fitness-Unternehmen, die langfristig denken: Datenschutz ist kein Compliance-Thema. Es ist ein Vertrauensthema. Und Vertrauen ist die Währung, mit der Communities gebaut werden.
Wer kontrolliert den Zugang zum Endkunden?
Es gibt eine Ebene über dem Datenschutz, die ich noch spannender finde – und die gerade außerhalb der Fitness-Welt sehr anschaulich sichtbar wird.
Microsoft hatte seit Dezember 2025 tausende eigener Entwickler mit Claude Code ausgestattet. Das Tool war intern sehr beliebt – laut einem Bericht von The Verge vom Mai 2026 sogar beliebter als Microsofts eigenes GitHub Copilot CLI. Die Konsequenz? Microsoft cancelt die Claude Code Lizenzen bis Ende Juni und drängt seine Entwickler zu Copilot CLI.
Die offizielle Begründung: Konvergenz auf ein einheitliches Tool. Die ehrliche: Es ist auch eine finanzielle Entscheidung am Ende des Geschäftsjahres. Und vor allem eine strategische – denn Microsoft will nicht, dass seine eigenen Ingenieure ein Konkurrenzprodukt besser finden als das eigene.
Das Pikante daran: Anthropics Claude-Modelle laufen weiterhin unter der Haube von Copilot CLI. Das Modell bleibt. Aber die Schnittstelle zum Nutzer – die tägliche Erfahrung, das Workflow-Gefühl, die Loyalität – gehört jetzt Microsoft.
Genau das ist das Gatekeeper-Prinzip.
Übertragen auf den Fitness-Markt: Apple entscheidet, welche Apps tiefen Zugang zu HealthKit bekommen. Google entscheidet, was in Google Fit landet. Garmin entscheidet möglicherweise, ob sie sich als zertifizierter Datenlieferant für die elektronische Patientenakte positionieren.
Wer die tägliche Interaktion mit dem Nutzer kontrolliert, kontrolliert die Beziehung. Das Gerät, die App, die Plattform, die morgens als erstes aufgerufen wird – das ist der Gatekeeper. Nicht das Modell dahinter. Nicht der Sensor. Nicht der Algorithmus.
Die Konsequenz für Startups und kleinere Fitness-Anbieter ist unbequem: Man kann das beste KI-Modell lizenzieren, den präzisesten Powermeter verbauen, die durchdachteste App bauen – und trotzdem morgen durch eine Plattformentscheidung von Apple oder Google unsichtbar werden. So wie Claude Code-Nutzer bei Microsoft gerade umgeleitet werden, egal wie sehr sie das Tool schätzen.
Der Zugang zum Endkunden ist das wertvollste Asset im Fitness-Markt. Und dieser Zugang wird von sehr wenigen kontrolliert.
Community ist der heilige Gral
Damit komme ich zu dem, was ich nach mehreren Jahren im Ruder-Ökosystem für die wichtigste Erkenntnis halte: Nicht das beste Gerät gewinnt. Nicht die beste App. Sondern die stärkste Community.
EXR hat das früher verstanden als die meisten anderen. Ich ruder alleine in meinem Schlafzimmer – aber ich ruder nicht allein. Es gibt Events, Leaderboards, andere Avatare auf der Strecke, Achievements, die sich wie echte Meilensteine anfühlen. Das klingt nach Gamification-Klischee, aber es funktioniert. Ich weiß es, weil ich es selbst erlebe.
Concept2 hat eine der loyalsten Communities im gesamten Fitness-Bereich – nicht wegen des PM5, sondern wegen des Logbooks, der Challenges, der Weltranglisten. Menschen bleiben nicht wegen der Hardware. Sie bleiben wegen der anderen Menschen.
Was KI hier leisten kann: Communities personalisierter ansprechen, Onboarding erleichtern, schwache Signale (wer ist kurz davor aufzugeben?) früher erkennen. Aber KI kann Community nicht ersetzen. Sie kann sie unterstützen.
Ein Fitness-Unternehmen, das 2026 nur auf Hardware oder nur auf KI-Features setzt, ohne eine Community-Strategie zu haben, wird es schwer haben. Die Geräte werden zur Commodity. Die KI-Features werden zur Commodity. Was bleibt, ist die Frage: Warum bleibe ich hier?
Die Antwort auf diese Frage ist immer eine menschliche.
Der Markt konsolidiert – aber nicht so, wie man denkt
Waterrowers Power Pulley ist ein kleines Signal mit großer Bedeutung: Auch traditionelle Gerätehersteller wollen ein Stück vom Software-Kuchen. KI macht es gleichzeitig einfacher denn je, mitzuspielen. Das wird zu einer Welle von neuen Fitness-Apps führen – und zu einem gnadenlosen Selektionsprozess.
Was übrig bleibt, sind die Unternehmen, die vier Dinge richtig machen:
- Ein ganzheitliches Datenmodell – den Menschen kennen, nicht nur seinen Puls
- Vertrauen durch Datenschutz – denn ohne Vertrauen kein Datenmodell
- Direkter Zugang zum Endkunden – wer die tägliche Interaktion kontrolliert, gewinnt; wer nur Zulieferer ist, verliert irgendwann den Kanal
- Community als Kernprodukt – denn Menschen kommen für die Features und bleiben für die Menschen
Ich beobachte das als Ruderer, als Entwickler und als jemand, der beide Welten versteht. Und ich bin gespannt, wer in zwei Jahren noch da ist.
In diesem Sinne: Get rowing 😉🤙🏼



